Virtuelle Zäune - auch eine Lösung für Schweizer Nutztiere?
Virtuelle Zäune gelten als innovative Technologie der digitalen Nutztierhaltung. Während sie in Ländern wie Norwegen, Australien oder Grossbritannien bereits eingesetzt werden, sind sie in der Schweiz noch verboten. Eine aktuelle Studie von Forschenden der ETH Zürich und Agroscope zeigt am Beispiel virtueller Zäune, dass die Akzeptanz digitaler Technologien in der Landwirtschaft stark von wahrgenommenem Nutzen, Risiken und digitalen Kompetenzen abhängt (Reissig & Siegrist, 2025).
Begriff und Funktionsweise
Virtuelle Zäune sind digitale Weidesysteme, bei denen Weidegrenzen mittels GPS-basierter Software definiert werden. Die Tiere tragen Halsbänder, die bei Annäherung an die virtuelle Grenze akustische Warnsignale auslösen und bei Grenzüberschreitung elektrische Reize abgeben. Der Bedarf an physischen Zäunen wird deutlich reduziert, wodurch eine flexible und dynamische Weideführung ermöglicht wird.
Funktionalität in der Praxis (Training, Zuverlässigkeit, Bedingungen)
Erste Erkenntnisse zur Funktionalität virtueller Zäune liegen nicht nur aus internationalen Anwendungen, sondern auch aus Versuchen unter Schweizer Bedingungen vor. Untersuchungen von Agroscope zeigen, dass Rinder die virtuelle Abgrenzung nach einer Trainingsphase verstehen und auf akustische Warnsignale reagieren, bevor eine Grenzüberschreitung erfolgt (Fuchs et al. 2024; Confessore et al. 2024; Fuchs et al. 2025).
Die Einhaltung der virtuellen Weidegrenzen erweist sich dabei als überwiegend zuverlässig, sofern die Grenzverläufe klar definiert sind. Gleichzeitig weisen die Versuche darauf hin, dass die Funktionalität stark von der GPS-Genauigkeit, der Batterielaufzeit der Halsbänder sowie von topografischen Gegebenheiten abhängt, insbesondere im alpinen Raum. Hinsichtlich des Tierwohls zeigten sich im Aktivitäts- und Liegeverhalten, der Futteraufnahme, dem Körpergewicht, der Milchproduktion und der Konzentration des Stressmarkers Kortisol in der Milch keine signifikanten Unterschiede zwischen virtuell und elektrisch eingezäunten Kühen (Fuchs et al. 2024).
Aktueller Rechtsstatus und Einbettung in den Schweizer Agrarkontext
In der Schweiz ist der Einsatz virtueller Zäune derzeit noch nicht erlaubt, da die Verwendung von elektronischen Halsbändern mit Reizfunktion gegen das geltende Tierschutzrecht verstösst. Damit unterscheidet sich die Schweiz deutlich von Ländern wie Norwegen, Australien oder Grossbritannien, in denen virtuelle Zäune bereits regulär eingesetzt werden.
Vor dem Hintergrund der Schweizer Agrarstruktur mit kleinstrukturierten Familienbetrieben, hohem Grünlandanteil und strengen Tierwohlvorgaben werden virtuelle Zäune dennoch als potenziell relevante Technologie diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit RAUS-Programmen und der alpinen Weidewirtschaft. RAUS steht für «Regelmässiger Auslauf im Freien» und bezeichnet Direktzahlungsprogramme des Bundes zur Förderung des regelmässigen Zugangs von Nutztieren zu Aussenklima und Weide.
Akzeptanz bei Landwirtinnen und Landwirten
Obwohl virtuelle Zäune in der Schweiz derzeit noch nicht eingesetzt werden dürfen, sind sie bereits für viele Betriebe gedanklich relevant (Reissig & Siegrist, 2025). Die Akzeptanz hängt dabei weniger von soziodemografischen Faktoren ab, sondern stärker von:
wahrgenommenem Nutzen gegenüber Risiken
genereller Einstellung zur Digitalisierung
digitalen Kompetenzen der Betriebsleitung
Betriebsgrösse und verfügbarer Arbeitskraft
Wahrgenommene Nutzen und Risiken
Wie die Studie zeigt, sehen Landwirtinnen und Landwirte insbesondere Potenzial in der Arbeitserleichterung durch erhöhte Flexibilität der Weideführung sowie einer besseren Anpassung an Gelände, Vegetation und saisonalen Bedingungen. Gleichzeitig bestehen ausgeprägte Bedenken hinsichtlich des Tierwohls, der technischen Zuverlässigkeit, möglicher Abhängigkeiten von digitalen Systemen sowie der rechtlichen Unsicherheit. Diese Risikowahrnehmungen wirken sich direkt negativ auf die Akzeptanz aus.
Digitale Kompetenzen und Technikaffinität der Betriebsleitenden erweisen sich dabei als zentrale Einflussfaktoren. Fehlendes Wissen verstärkt Unsicherheiten und senkt damit die Bereitschaft zur Nutzung.
Implikationen für Politik, Beratung und Praxis
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Akzeptanz neuer digitaler Technologien wie virtueller Zäune stark von Risiko-Nutzen-Abwägungen der Betriebe abhängt und durch Information, Forschung, Praxiserfahrungen sowie den Austausch in landwirtschaftlichen Netzwerken unterstützt werden kann (Reissig & Siegrist, 2025).

Über den Absender
Der Beitrag basiert auf Erkenntnissen aus einer Doktorarbeit von Forschenden der ETH Zürich und Agroscope zur Akzeptanz digitaler Technologien in der Landwirtschaft sowie auf Ergebnissen einer Doktorarbeit mit drei Feldversuchen von Agroscope zur Funktionalität virtueller Zäune unter Schweizer Bedingungen. Die Inhalte fassen zentrale Befunde aus Forschung und Praxis zusammen.

*Nutzen für Viehhalterinnern und Viehhalter aus Sicht der Studie:
Flexible und dynamische Abgrenzung von Weideflächen ohne physischen Zaunbau
Reduktion von Arbeitsaufwand für Zaunbau, Unterhalt und Kontrolle
Verbesserte Anpassung an Topografie, saisonale Bedingungen und Tierbestand
Potenzial zur gezielten Förderung von Tierwohl durch kontrollierten Weidegang
Unterstützung einer präziseren Bewirtschaftung von Alp- und Weideflächen
*(Die folgenden Potenziale beziehen sich auf mögliche Anwendungen virtueller Zäune, deren Einsatz in der Schweiz derzeit noch nicht zugelassen ist)
Wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema
- Zu Stressindikatoren (eng): Stress indicators in dairy cows adapting to virtual fencing | Journal of Animal Science | Oxford Academic
- Zum Einfluss des Alters (eng): matter of age? How age affects the adaptation of lactating dairy cows to virtual fencing | Journal of Animal Science | Oxford Academic
- Zur Wirksamkeit in Bergregionen (eng): Effectiveness of virtual fencing in a mountain environment and its impact on heifer behaviour and welfare – ScienceDirect


